Flugzeugabsturz auf dem Bookesch in Uelsen

Bericht von Claus Bornemann aus dem Jahr 2020.

Veröffentlicht im Buch: Beiträge zur Geschichte von Uelsen in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945

Die Absturzstelle mit ihren Bewachern.

 

Beispielfoto einer „flying Fortress ll”


Ich bin heute 89 Jahre alt und habe den Absturz des amerikanischen Bombers auf dem Bookesch in relativer Nähe erlebt und möchte das Erlebte aus meiner Erinnerung schildern.

 

Ob derAbsturz noch in 1943 oder schon in 1944 erfolgte, kann ich heute leider nicht mehr sagen.

 

Ich wohnte seinerzeit im Hause meines Onkels Zwier Blekker, im ersten Hause der heutigen Woellenstiege, und befand mich im Garten des Hauses, als die ofenbar angeschlagene Maschine im Tiefflug und relativ langsamen Tempo östlich, also vielleicht über die Wuerde oder weiter östlich in die nördliche Richtung flog. Ich war damals

 sehr an Flugzeugen interessiert und konnte die Maschine als eine „flying Fortress ll” ausmachen, eine der größten Bomber, die die Amerikaner seinerzeit gegen Deutschland einsetzten. Die Maschine war an dem

markanten Seitenleitwerk leicht zu erkennen.

 

Ich wollte hinter dem Flugzeug herrennen, querfeldein, da ich annahm, es würde sicherlich gleich hinter dem Rommelsberg niederkommen. Als dann aber Jabos (Jagdbomber) auftauchten, die offenbar die Maschine

begleiteten, habe ich mich gleich zu Boden geschmissen, weil Gefahr bestand, beschossen zu werden.

Als ich dann sicherheitshalber zurückgelaufen bin, hörte ich meine Cousine rufen: „Up 'n Bookesch lig 'n

Flieger". Die Maschine war also in der Zeit eine Schleife etwa über das Uelser Esch, Wílsumer Straße oder ähnlich geflogen, jedenfalls, dass sie über den heutigen Hof Mons, damals Stölting, auf dem Bookesch

niederkam. Den Moment des Absturzes möchte ich aber etwas genauer schildern, so, wie ich ihn seinerzeit feststellen konnte und den ich für eminent wichtig halte.

 

Die Maschine ist also bei dem Hof Stölting in die Eichenbäume geraten und hat dabei die oberen Zweige radikal abgeschnitten, wie mit einem Rasenmäher. Dabei kippte sie nach rechts und geriet dann mit der rechten

Tragfläche in den Boden und zog bis zu Absturzstelle eine lange tiefe Furche. Das Flugzeug kippte auf den „Rücken“ und blieb mit den Rädern nach oben liegen. Der vordere Teil der Maschine war total zerstört, ab

Mitte, etwa ab Beginn der Tragflächen, war sie relativ unzerstört. Was mir besonders wichtig erscheint ist die Tatsache, wäre die Maschine 1 bis 2 m höher geflogen und nicht in den Zweigen der Eichen hängen geblieben,

wäre sie mit Sicherheit mitten in Uelsen, vielleicht sogar an der Kirche abgestürzt. Bei einem etwas tieferen Anflug gegen die dicken Äste wäre sie dann wahrscheinlich auf das Anwesen Stölting gestürzt. Schicksal- dass

sie auf dem kurzen Zwischenraum Bookesch keinen Schaden angerichtet hat.

 

Als ich hörte, dass auf dem Bookesch ein Flieger liegt, bin ich auf den Sonnenberg gerannt, einen Hügel, der sich auf der gegenüberliegen Seite des Bookesches und der Wilsumer Straße befand, von dem ich das 

abgestürzte Flugzeug genau beobachten konnte. Da es vorne in dem zerstörten Teil noch brannte, explodierte ständig MG-Munition. Da ich vermutete, es könnten sich noch Bomben in dem Wrack befinden, die

explodieren könnten wartete ich gespannt. Eine ganze Weile geschah überhaupt nichts. Das also Überlebende dort gefangen genommen wurden, halte ich für höchst unwahrscheinlich. Davon habe ich auch nichts

erfahren. Die „Fortress ll" hatte 10 Mann Besatzung. 3 Mann sind dabei tödlich verunglückt, wie ich abends selber feststellen konnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass 7 Überlebende ausgestiegen wären und in der Zeit,

bis erstmals irgendwelche Offizielle erschienen, gewartet hätten, um sich dann festnehmen zu lassen. Nach meiner Erinnerung sind die übrigen Besatzungsmitglieder vorher abgesprungen. Ich weiß es aber nicht und

möchte es nicht als mit Sicherheit behaupten. Ich jedenfalls habe während ich das Ganze beobachtete, und das war eine ziemlich lange Zeit, niemand dort sehen können, insbesondere, dass Menschen aus dem Wrack

ausgestiegen wären.

 

Gegen Abend, es wurde schon dunkel, habe ich mich dann getraut, dem Wrack zu nähern. Von einem Wachsoldaten wurde ich angehalten, der mir erklärte, dass das Gebiet um das Wrack gesperrt sei. Er nahm mich aber dennoch mit und zeigte mir, indem er mit dem Fuß dagegen stieß, einen dort liegenden der drei toten Besatzungsmitglieder. Was er dazu äußerte, möchte ich hier nicht erwähnen. Auch der Soldat hat nichts von einer Verhaftung der übrigen Besatzung erwähnt.

 

Nach ein paar Tagen, vielleicht einer Woche, waren die Untersuchungen der Maschine abgeschlossen und sie wurde zur allgemeinen Besichtigung freigegeben. Natürlich kamen nun eine Menge, hauptsächlich Kinder und

 Jugendliche herbei, die sich nun um das Wrack und auf dem Acker aufhielten. Selbstverständlich war ich auch dabei. Ich hörte dann, dass sich wieder ein Pulk der Bomber näherte, die täglich am Himmel zu sehen waren, die mit ihren Kondensstreıfen gen Osten oder auch zurück flogen. Die Pulks oder Verbände bestanden immer aus ca. 12 oder mehr Maschinen und wurden meistens begleitet durch einmotorige Jabos (Jagdbomber). ich wollte mich dann vorsichtshalber zurückziehen und kam bis zur Hecke, die heute nach das Rottmannsche Grundstück begrenzt, als ich das Geräusch und dann die Detonation einer Bombe vernahm. Ich hatte mich instinktiv zu Boden geworfen und sah links von mir, wie der Sand und die Knollen oder was das war, hochflog. Die Bombe hatte das Wrack nicht getroffen, auch nicht beschädigt, sie schlug direkt daneben in den Acker

und hinterließ einen ziemlich großen Krater. Es ist mir heute noch unerklärlich, dass bei der Menge der anwesenden Kinder niemand zu Schaden gekommen ist. Ein Wunder geradezu.

 

Wie an anderer Stelle berichtet wurde, dass die Bomber das Wrack entdeckt und daraufhin umgedreht seien, wie etwa Autos auf der Straße, ist wohl eher unwahrscheinlich Was für eine Schleife hätte der Verband fliegen müssen um nochmal zurückzukehren. Es sei denn, einer der begleitenden Jabos hätte das Wrack angeflogen und die Bombe geworfen, aber das ist auch unwahrscheinlich, da gleichzeitig im Uelsener Feld hinter Stölting die Bomben fielen, die ein Jabo nicht hätte mit sich führen können.

 

Außerdem habe ich kein Jabo gesehen oder gehört und es ist auch nie davon gesprochen worden. Natürlich wussten die Amerikaner genau, wo die Maschine lag. Es mag 15 oder gar 20 Jahre her sein, als auf dem Bookesch Männer auftauchten, die noch Blindgängern suchten und vor dem Hause Rüschen auch fündig wurden. Dieser Fund stammte allerdings aus einem späteren Jabo-Angriff und stand in keinem Zusammenhang mit dem oben geschilderten Bombenabwurf. Sie zeigten mir eine Karte, die die Bomberpiloten damals aus

4000 m Höhe aufgenommen hatten und auf der alle Details zu sehen waren. So nahmen sie an, dass es sich bei einigen Kreisen auf der Karte um Bombentrichter handelte. Ich konnte es 

berichtigen, nämlich es handelte sie um Strohmieten des Bauern Hinderink. Damit will ich erklären, dass man genau wusste, wo das Wrack lag. Ob die Piloten Order hatten, das Wrack zu zerstören oder was der Grund für den Abwurf zahlreicher Bomben war, die bis auf diese eine sämtlich hinter dem Hof Stölting, etwa im Kampsschott niedergegangen sind, bleibt wohl ein Rätsel.

 

Zu der Schilderung, dass ein junger gefangener Pilot dem Rathaus zugeführt und dabei beschimpft wurde. möchte ich fast annehmen, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Es muss Ende 1944, Anfang 1945

gewesen sein, dass ein amerikanischer Jagdbomber kurz vor dem weißen Berg, wahrscheinlich dort, wo heute die letzten Häuser der Siedlung stehen, abgestürzt ist. Der Pilot ist vorher mit dem Fallschirm abgesprungerı. ich wor ziemlich schnell an der Absturzstelle, da wir uns vom Jungvolk aus vor dem weißen Berg zum Schanzen einzufinden hatten, Vorher hatte ich die Maschine schon gesehen, die mit einer langen schwarzen Rauchfahne im Tieflug gen Westen flog. Auch der Fallschirm mit dem Piloten war am Himmel zu sehen. Als wir zu der Absturzstelle kamen, hatte sich die Maschine tief in den .Boden eingegraben, so dass oberhalb des Bodens kaum noch etwas von dem Wrack vorhanden wor. Da wir mit Spaten ausgerüstet waren, begannen wir den Trichter mit dem Wrack zuzuschütten. Ob und wann das Wrack mal ausgegraben und entsorgt wurde, habe ich nie erfahren. Während dessen hatten einige Beamte, ich meine des Zolls, können aber auch Polizeibeamte gewesen sein, den Piloten gefangen genommen. Es könnte also sein, dass es sich bei diesem Piloten um den gehandelt hat, der dem Rathaus zugeführt und dort auch beschimpft wurde, weiß es aber nicht und will es auch nicht behaupten. Diese Beschimpfung muss man allerdings ein wenig verstehen, denn man war den jungen Jabo-Piloten nicht gerade gut gesonnen, die sich offenbar einen Sport daraus machten einzelne Personen auf den Feldern, auf Straßen, Züge und Autos zu beschießen. So wurde der Lehrer Rieke, der 

sich mit dem Fahrrad auf dem Wege von Uelsen zu seiner Wohnung in Hilten befand von Tieffliegern erschossen.

 

Dieser Bericht entspricht meinen Wahrnehmungen und Erinnerungen. Sollten spätere militärische oder sonstige behördliche Untersuchungen andere Ergebnisse oder Nachweise erbracht haben, würde ich das

selbstverständlich gern akzeptieren.