Die Geschichte der reformierten Kirche zu Uelsen

Von DR. GEERT GEERINK

(Mit zusätzlichen Informationen vom Webmaster).

 

Ein Ausschnitt von einem Foto was vor dem Jahr 1905 aufgenommen worden ist.

Im Chor sind noch die alten Fenster vorhanden. Die Vorgänger Turmuhr war noch eingebaut.

Die Schallöffnungen im Turm sind noch in der alten Gestaltung. In den dortigen Rundbogen sind noch alte Reste der gotischen Ornamentik vorhanden.

Im Jahre 1905 hat eine Familie Crull aus Vennebrügge Geld für neue Fenster und eine Heizungsanlage gegeben.

Hier eine Teil einer Postkarte von (wahrscheinlich) vor dem 2. Weltkrieg.

Die neuen Fenster des Chores sind gut zu erkennen. Diese wurden im Stil der Neugotik gestaltet.

Eine neue Turmuhr ist eingebaut.

Die Schallöffnungen sind gemacht.

Der Schornstein der Heizungsanlage schaut aus dem Kirchturm hervor. Dieser Schornstein war innerhalb des Turmes hochgezogen worden.

Die Seitentür im "Growenkerken" ist noch nicht zugemauert.

 

Eine Aufnahme nach dem 2. Weltkrieg.

Beschädigungen im Dach sind ausgebessert worden.

Hier ein Foto mit der heutigen Ansicht.

In den Schallöffnungen sind die gotischen Elemente vervollständigt worden.

Die Seitentür im "Growenkerken" ist zugemauert (1965).

 

Als Ende des 7. Jahrhunderts die ersten christlichen Glaubensboten im Nordwesten Deutschlands missionierten, mögen sie auch im Raum der jetzigen Niedergrafschaft tätig geworden sein. Als älteste Urkunde über Uelsen (Ulsnen) wird diejenige aus dem Jahre 1131 angesehen, in der berichtet wird, das die Uelsener Kirche unter Pfarrer Hardbert dem St. Petri-Kapitel zu Utrecht (unter Bischof Andreas van Kuijk) unterstellt wurde. 1) H. Boers 2) jedoch ist der Ansicht, das es eine ältere Urkunde gibt, und zwar aus dem Jahre 1010. Darin heißt es, das der Bischof Adelbold von Utrecht schon in diesem Jahr über den Hof von Ulst in Twenthe« verfügen konnte. Er verschenkte diesen Hof an das Benediktiner-Kloster zum Heiligen Berg in Amersfoort. »Dieses Ulst, gelegen in Twenthe kann kaum etwas anderes gewesen sein als unser Uelsen«, heißt es in dem Aufsatz von H. Boers. Dr. Edel hat diesen Aufsatz mit positiven Bemerkungen versehen, hält aber weitere Untersuchungen für notwendig, um Boers Behauptungen voll Stützen zu können.

 

Ob nun die älteste Urkunde von 1131 oder von 1010 ist, ganz gewiss hat das Christentum früher als 1010 Eingang gefunden. Man weiß, das schon in der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts 3), 4),5) die Christianisierung durch englische Missionare wie Willibrord, die beiden Ewaldi und Werenfrid und andere begann und das deren Erfolge durch militärische Eroberungen der Franken gefördert wurden.

 

Die Grenze zwischen Franken und Sachsen verlief damals schräg durch die jetzige Grafschaft Bentheim, etwa vom jetzigen Enschede über Frensdorf, Mitte Veldhausen - Bimolten, dann weiter nordwärts. In dem westlich dieser Linie gelegenen Frankenland, also u. a. in der jetzigen Niedergrafschaft, konnte die Christianisierung daher früher gelingen als östlich davon. Als Karl d. Große Ende des 8. Jahrunderts die Sachsen zur Annahme des Christentums zu zwingen begann, werden westlich der genannten Linie schon Kirchen (oder Kapellen) aus Holz bestanden haben, so auch in Uelsen - schätzungsweise um 790 - Hier entstand die Kirche in der Nachbarschaft von heidnischen Friedhöfen (Steenebarg, Brambarg, Hounehook), an einer Stelle die natürliche Schutzmöglichkeiten bot und deshalb vermutlich schon vorher eine heidnische Kultstätte und einen Thingplatz aufwies. In der Nähe und im weiteren Umkreis - so wird allgemein angenommen- lagen viele »Drubbel« von einigen Gehöften.

Uelsen lag wahrscheinlich am Kreuzungspunkt von zwei sogenannten Königsstraßen, 1. derjenigen, die, von Süden kommend, über Enschede, Oldenzaal, Ootmarsum, Uelsen nach Assen führte 6), und 2. einer solchen, die von Lingen über Veldhausen in westlicher Richtung verlief 7).

Die Gründung des Kirchspiels Uelsen wird Werenfrid zugeschrieben 3). Er wurde als Schutzpatron der Kirche angesehen. Das Kirchspiel umfasste ursprünglich außer dem jetzigen auch Wilsum, Veldhausen, Lage, nach Stiasny (s. Specht5)) Teile von Nordhorn und nach Veddeler 6) möglicherweise auch Emlichheim. Zum Kirchspiel Uelsen gehörte also danach anfangs die gesamte jetzige Niedergrafschaft, soweit sie besiedelt war. Die Ortschaften der Niedergrafschaft östlich der Vechte existierten damals z.T. noch nicht:

 

Wietmarschen gibt es erst seit 1154, Osterwald seit der Mitte des 14. Jahrhunderts, Piccardie seit etwa 1660 und Georgsdorf seit 1775. Rosien glaubt (s.Veddeler 6)), Uelsen als „Urpfarrkirche des Nordtwentegaues“ ansprechen zu können. Seiner Ansicht nach war Uelsen der Sitz eines Archidiakonats. „Dergleichen ist allerdings nirgends bezeugt“, so schreibt Veddeler. Zu Rosiens Bemerkung passt aber in etwa die mündliche Überlieferung im Dorf, das Uelsen Bischofssitz hat werden sollen.

 

Als Uelsen 1131 unmittelbar Utrecht unterstellt wurde, und zwar mit schwer wiegenden Auflagen in finanzieller Hinsicht, war die Aussicht dahin, das Uelsen eine Vorrangstellung im Nordtwentegau behalten oder bekommen würde. Am bedenklichsten war, das fortan viele Einkünfte der Werenfridkirche an Utrecht fallen sollten, u. a. um des Bischofs und Hardberts Seelenheil durch Gebete sicherzustellen 1). Eine Verarrnung der Uelsener Kirche stand bevor. Der Schutzheilige Werenfrid 2), dem die Kirche mehr als 339 Jahre vorher geweiht worden war, „versagte“; denn die Gaben, die sein Altar bekam, gingen nach Utrecht. Es ist sicher, das sich im Kirchspiel Uelsen Verärgerung über Utrecht breitmachte, und es ist denkbar, das mit aus diesem Grunde die Grafen von Bentheim im 12. Jahrhundert politisch mehr Einfluss in der späteren Niedergrafschaft gewinnen konnten, die damals noch nicht zu Bentheim gehörte. Uelsen und alle Orte an Dinkel und Vechte von Lage ab nordwärts blieben aber kirchlich bis zur Reformation 1544 bei der Diözese Utrecht.

Zum Bau der Kirche: Nöldeke 8) schließt aus romanischen und gotischen Stilelementen, das die beiden unteren quaderförrnigen Geschosse des Turmes (mit quadratischem Grundriss, Breite 11,50 m, Mauerstärke 1,78 m) um 1200 entstanden sind. Nach dem Steinschnitt zu urteilen, gehört das unterste Stockwerk fast bis zum ersten Gesimse einem Bauabschnitt in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts an. Hier wurden z.T. Bruchstücke von Bentheimer Sandsteinen benutzt. Die Weiterführung erfolgte mit größerem Steinformat ungefähr bis zum 2. Gesimse bald danach. Das Turmportal in der jetzigen Form ist in gotischer Zeit nachträglich eingesetzt .

Drs. Zeino Kolks meint in seinem Aufsatz Jb. 1983, Seite 116 folgendes:

 Das  die Untergeschosse des Turmes den ältesten Teil des heutigen Kirchenensembles sind,  ist keineswegs zweifelhaft. Aber die bisher erhaltene Datierung is meiner Meinung nach zu früh. Es mag sein, das der Steinschnitt und die Fensteröffnungen ein Entstehen im 12. jh. oder um 1200 suggerieren, es gibt jedoch andere Hinweise, die das anzweifeln lassen. So sind die ursprünglichen Schalllöcher zwar rundbogig,  aber ohne das in der Romanik oft vorkommende Teilsäulchen, und mit profilierten statt gerade eingeschnittenen Einfassungen. ...

Das dritte Stockwerk und alles übrige des Kirchengebäudes entstanden nach Nöldeke  erst im 15. Jahrhundert bzw. bald danach.

 Auffallend ist, das bisher keine Spuren einer Bautätigkeit im 13. und 14. Jahrhundert  gefunden wurden. Lag es an unzureichenden Einkommensverhältnissen der Kirchengemeinde?

Bildeten Auflösungserscheinungen des Kirchspiels ein entscheidendes Hemmnis? Veldhausen 3) wurde 1317 selbständig. Auch der neue Ort Neuenhaus 3), der im Bereich des Kirchspiels Uelsen entstand, erhielt 1398 eine Kirche. Oder waren die Zahlungsverpflichtungen gegenüber Utrecht so groß, das man sich notgedrungen mit der Vorgängerkirche begnügen musste, auch wenn sie zum begonnenen Neubau des Turmes nicht passen wollte? Sicherlich standen wirtschaftliche Schwierigkeiten im Wege. Die Erlaubnis, die Papst Johannes XXII. der Uelsener Kirche 1327 erteilte 3), dem Spender von Geldern Ablass von Sünden zu gewähren, mag die Kirchenbaukasse aufgefüllt haben.

Auch die Schenkung des Zehnten aus dem Erbe Sonnenbergerinck von Nikolaus Meyerink 2) und seinen Söhnen im Jahre 1332 verbesserte den Grundstock für das Bauvorhaben. Entscheidend war aber wohl, das man die Spenden nicht mehr auf den Altar des heiligen Werenfrid legte, die nach dem Vertrag von 1131 St. Petri in Utrecht zustanden. Alle Gaben gelangten auf den Marienaltar, der in jeder katholischen Kirche vorhanden ist. Aus der Werenfrid-Kirche wurde auf diese Weise nach und nach die Marienkirche oder Liebfrauenkirche (siehe 2, Fußnote 6).

So kamen Spenden herein, die der Kirche in Uelsen verblieben.

Das Mönchsbuch 9), auch Kirchmeisterbuch genannt, enthält auf 78 handgeschriebenen Seiten Angaben über Einnahmen und Ausgaben, über Anschaffungen und Abmachungen der Kirche vom 14. bis zum 18. Jahrhundert, hauptsächlich aber aus der Zeit um 1500. Es wird im Pfarramt Uelsen aufbewahrt. Das Original enthält viele Abkürzungen und schlecht leserliche Stellen. Dr. Edel hat das Ganze in Maschinenschrift übertragen und mit wertvollen Anmerkungen versehen. Wie aus diesem Mönchsbuch hervorgeht, gab es ab 1400 rstaunlicherweise viele Bürger und Bauern, die den Ratleuten der Kirche Goldgulden für den Bau zur Verfügung stellen konnten. Die Gläubiger bekamen dafür Zinsen in Form von Getreide, das teils vom Grundbesitz der Kirche stammte. Die Kirche besaß 1660 und sicher auch schon früher Grundbesitz in verschiedenen Gemeinden, allein in Bauerhausen soviel, wie hier 1660 zu zwei größeren Bauernhöfen gehörte.

 

Hier lasse ich einige wenige von den vielen Eintragungen über Geldgeber folgen. Im Mönchsbuch steht:

Seite 17:

Item Slad Johan hef den Raetlüden gedan to behoff ter tymmerynge in den iar van vyer ende tachtentich (1484) achtyn golden rynsgulclen. Dair süllen sy hem aff gewen iarlicks ij (= 1 1/2) müdde Roggen.

 Seite 18:

In den Jaere mv« unde sesse (1506) hebben de ratlüde untfanghen van Lambert Gherynck to Havenyckham xii gholden Gulden, dat Mester Wyllem Leygendecker krech. Daer sal men em van gheven 1 müdde roggen. Me mach het losen to Meygge myt xii gholden

Ghulden ofte ander payment, dat daer gut vor sy.

 Im allgemeinen zahlte die Kirche für 12 Goldgulden ein Müdde Roggen jährlich an Zinsen. Auf Seite 18 steht andererseits, das 5 % gezahlt wurden. Daraus kann man in etwa auf den Wert der »gholden Gulden« in unserer heutigen Währung schließen. Ein Müdde Roggen hat ungefähr 140 Pfund, die heute etwa 35,- DM kosten. Das Zwanzigfache (100%) wären 700 DM. Also 12 Goldgulden = ca. 700,- DM (350 €).

 Die vielen Zuwendungen an die Kirchenbaukasse machen es verständlich, das im 15. Jahrhundert die Bautätigkeit wieder aufgenommen werden konnte. Auch die Gemeindegliedern waren bereit, praktisch Hand mit anzulegen. Nach mündlicher Überlieferung wurden alle Besitzer von Pferdefuhrwerken verpflichtet, keine Pferdezucht zu betreiben. Zugtiere mussten für den Transport von Sandsteinen aus Bentheim über ungepflasterte Wege zur Verfügung stehen. Wenn auch gewiss viele Steine mit Schlitten durch die verschneite Landschaft befördert werden konnten, die meisten Steine mussten auf leichten Ackerwagen jeweils in nur geringen Mengen herbeigeschafft werden.

 

Die einzelnen, im 15. Jahrhundert entstandenen Gebäudeteile der Kirche sind wiederholt etwa übereinstimmend beschrieben worden, so von Stokmann 3), Nöldeke 8), und Behrends 11). Da Nöldeke Bausachverständiger war, lehnt sich die folgende Beschreibung eng an seine Ausführungen an. Grundriss und Querschnittzeichnungen sind seinem Aufsatz entnommen.

 

Die Strebpfeiler außen (Abb. 1) kennzeichnen die Gewölbejoche im Innern. Der erste Strebepfeiler an der Südwand liegt am Turm an. Bis zum 5. Strebpfeiler reichte das Kirchenschiff; von innen betrachtet, bis zu der breiteren Quergurte, dem dicken Rundbogen. Ob das östlich sich anschließende Chor, das mit 5 Seiten eines flachen Achtecks schließt, gleich hinterher gebaut ist oder ob man sich zwischendurch mit dem 3. Stockwerk des Turmes beschäftigt hat, weiß man nicht.

 

Zu Einzelheiten von Kirchenschiff und Chor äußert sich Nöldeke: ». . . Die Wölbung ist durchweg auf Rippen mit Birnstabprofil aus Konsolen heraus ausgeführt, und zwar ist das Gewölbe des Schiffes etwas höher als das des Chores. Die Konsolen zeigen im Grundriss 4 Seiten eines regelmäßigen Sechsecks. Die Gurten sind durchweg sehr flach und kaum spitzbogig zu nennen. Die Fenster setzen hoch an, sind ziemlich schlank und haben Maßwerk im Schiff aus Dreipässcn und Fischblascn, im Chor aus Drei- und Vierpässen.<

 

Das Grouwenkerken an der Südseite der Kirche das durch Verlängerung des 3. und 4. Strebepfeilers entstand, war in vorreformatorischer Zeit eine Seitenkapelle mit dem Altar St. Stephani. Nach Edel 12) ist sie in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, nach Bruns 13) 1470/71 entstanden, zu einer Zeit, als das Kirchenschiff und auch das Chor schon fertig waren. Diese Kapelle, seit der Reformation zweckentfremdet, sieht man heute als Hauptportal der Kirche an. Die äußere Fassade zeigt zierliches Fialen- und Fischblasenwerk. Ein Wappen, ein schräg rechter Balken, belegt mit 3 Kreisen, deutet Dr. Edel 11) als Wappen der Bentheimer Burgmannsfamilie van Beesten. Ferner vermutet Edel, das der Name »Grouwenkerken< von dem Namen eines Vikars dieses Kirchleins stammt. Da Ruwen weitaus die längste Zeit Vikar an dieser Kapelle war, tauchte der Verdacht auf 14), das dieser Name mit zur Bildung des Namens Grouwenkerken beigetragen habe.

Eine Fotografie aus der neueren Zeit.

Sehr gut zu sehen ist der zugemauerte Seiteneingang

und die guterhaltene Fenster im gotische Stil

(1905 eingebaut ?).

Das Nebenschiff auf der Nordseite ist am Ende des 15. Jahrhunderts entstanden. »Die drei kämpferlosen Rundpfeiler zwischen Schiff und Nebenschiff sind Reste der ehemaligen Außenwand, denen man eine Basis mit flaflachliegender Hohlkehle gegeben hat. Dieses Nebenschiff ging zunächst nur bis zur breiten Gurte, die am kantigen, roh verputzten Pfeiler ansetzt. Die Wölbungen im Nebenschiff entsprechen denen im Hauptschiff. Das Nebenschiff wurde etwas später um zwei Joche zum Chor bin vergrößert. Hier muss eine Zeitlang die Sakristei gewesen sein. Spuren eines Umbaus nach der Reformation sieht man an der Nordostwand außen, da, wo 1968 ein neuer Eingang geschaffen wurde.

Hier hat die Sakristei gestanden.

Links neben der Tür ist eine zugemauerte Nische zu erkennen.

Da könnte ein Heiliegenbild gestanden haben.

Die Ausgangstür wurde 1968 eingebaut.

Drs. Zeino Kolks meint in seinem Aufsatz Jb. 1983, Seite 116 ff folgendes:

 Nach dem Turm sind Chor und Langhaus- wahrscheinlich in dieser Abfolge wie so oft erbaut worden Mit demLanghaus sind sowohl das Haupt- als auch das Seitenschiff gemeint (beide hatten Anfangs vier Joche). Es gibt meiner Meinung nach kein stichhaltige Argumente anzunehmen, das Nebenschiff sei später als das Hauptschiff entstanden. Die Säulen zwischen den Schiffenbrauchen keine abgerundeten Reste der ursprünglichen Nordmauer des Langhauses zu sein. ...

 

In einem Schlussstein im Nebenschiff innen findet man den Bildniskopf eines Priesters, des Pöäterkens 2), über den viel gerätselt worden ist, wer wohl damit gemeint sein möge. Edel meint, das man damit die Erinnerung an Werenfrid habe wachhalten wollen. Andere meinen ( und das ist wahrscheinlicher), das hier einer der letzten Pastoren vor der Reformation dargestellt sei.

Das dritte Stockwerk und alles übrige des Kirchengebäudes entstanden nach Nöldeke  erst im 15. Jahrhundert bzw. bald danach.

 Auffallend ist, das bisher keine Spuren einer Bautätigkeit im 13. und 14. Jahrhundert  gefunden wurden. Lag es an unzureichenden Einkommensverhältnissen der Kirchengemeinde?

Bildeten Auflösungserscheinungen des Kirchspiels ein entscheidendes Hemmnis? Veldhausen 3) wurde 1317 selbständig. Auch der neue Ort Neuenhaus 3), der im Bereich des Kirchspiels Uelsen entstand, erhielt 1398 eine Kirche. Oder waren die Zahlungsverpflichtungen gegenüber Utrecht so groß, das man sich notgedrungen mit der Vorgängerkirche begnügen musste, auch wenn sie zum begonnenen Neubau des Turmes nicht passen wollte? Sicherlich standen wirtschaftliche Schwierigkeiten im Wege. Die Erlaubnis, die Papst Johannes XXII. der Uelsener Kirche 1327 erteilte 3), dem Spender von Geldern Ablass von Sünden zu gewähren, mag die Kirchenbaukasse aufgefüllt haben.

Auch die Schenkung des Zehnten aus dem Erbe Sonnenbergerinck von Nikolaus Meyerink 2) und seinen Söhnen im Jahre 1332 verbesserte den Grundstock für das Bauvorhaben. Entscheidend war aber wohl, das man die Spenden nicht mehr auf den Altar des heiligen Werenfrid legte, die nach dem Vertrag von 1131 St. Petri in Utrecht zustanden. Alle Gaben gelangten auf den Marienaltar, der in jeder katholischen Kirche vorhanden ist. Aus der Werenfrid-Kirche wurde auf diese Weise nach und nach die Marienkirche oder Liebfrauenkirche (siehe 2, Fußnote 6).

So kamen Spenden herein, die der Kirche in Uelsen verblieben.

In den Nachbarschlusssteinen und Konsolen innerhalb des Seitenschiffes findet man Seilornamente.

Vor und nach 1500 baute man weiter an dem Turm. Als die Strömungen der Reformation auch die Grafschaft erreichten, wuchs der Kirchturm in Uelsen zu einer erstauhnlichen Höhe heran. Er war wahrscheinlich schon fertig,  als der Uelsener Pastor Hasenhart 1544 mit seiner Gemeinde zum lutherischen Bekenntnis übertrat. Nach dem Mönchsbuch 9) Seite 59, hat "meyster Witte leyendecker anno (15)76"

die Masse des Turmes festgestellt:

 Dat Steenwerk      91 voeth= etwa 26,8 m

de spitze               190 voeth= etwa 56,0 m

dat Crütze               11 voeth= etwa    3,2 m

_________________________________________

maket tosamen   292 voeth= etwa    86 m                (1660 war 1 voet = 29,45 cm)

 

Eine Zeichnung nach diesen Angaben ergibt ein Bild mit unwahrscheinlichen Massverhältnissen, so das man zweifeln möchte, ob die Zahlen stimmen. Ich nehme daher an, das zwar die Gesamthöhe richtig ist, das aber zwischen den quaderförmigen Bau und den eigentlichen Helm ein Übergangsstück von anderer Form gewesen ist, das bei der Messeung zur Spitze gerechnet wurde.

Auf jeden Fall damals (bis 1683) der Turm bedeutend höher als heute. Einschliesslich der Spitze ist er heute 52 m hoch (damals 86 m).

Die Wohnhäuser mögen dagegen zu der Zeit nur etwa halb so hochgewesen sein wie jetzt. Diesen Grössenverhältnis ist sehr beeindruckend gewesen. Es entsprach der allgemeinen Bedeutung der Kirche in damaliger Zeit; denn über den Gottesdienst hinaus übernahm die Kirche  damals auch weltliche Aufgaben. Sie sorgte z.B. für Schulen, gewährte den Gemeindegliedern auf Wuinsch persönlichen Schutz und war allgemein eng mit dem praktischen Leben verbunden....

 

Fotografien von Pastor Schuhmacher

 Drs. Zeino Kolks meint in seinem Aufsatz Jb. 1983, Seiten 117-120 folgendes:

Östlich des östlichen Nebenschiffjoches des Bethauses in Uelsen hat sich im Ursprung wahrscheinlich eine Sakristei befunden: wie Wäre es sonst zu erklären, das die Nordmauer des westlichen Chorjoches blind ist und die des östlichen ursprünglich mit einem Fenster versehen war.

 

Zugleich mit oder kurz nach dem Bau des neuen, höheren Langhauses muß auch der Turm erhöht worden sein (mit dem oberen Teil des zweiten Geschosses und mit dem ganzen dritten Geschoß). Ohne diese Erhöhung hätten die Schallöcher nicht über das Dach des Langhauses hinausgereicht.

 

Die nächste Bautätigkeit war möglicherweise die Zufügung des Vorbaues an der Südseite des zweiten westlichen Langhausjoches, das sog. ››Gravenkerkje« oder ››Grouwenkerken«. Es ist deutlich später erbaut als das Langhaus, weil es gegen dessen Strebepfeiler steht. Als Bauzeit sind die 2. Hälfte des 15. Jh. und, noch genauer, die Jahre 1470/ 1471 genannt worden . Den Formen nach könnte jedoch eher die Zeit um 1500 in Betracht kommen.

 

Letztgenannte Datierung passt gut zu den auch von Nöldeke so datierten Erneuerungsarbeiten am Turm. Zu diesen Arbeiten sind u a die Anbringung der Eingangsnische und des Scheidebogens zwischen Turm und Hauptschiff zu rechnen.

Um diese Zeit hat möglicherweise auch die Wölbung des ebenerdigen Turmraumes und die des Seitenschiffes stattgefunden Wahrscheinlicher ist jedoch, das das Nebenschiff und der Chor gleichzeitig gewölbt worden sind In dem Fall haben dann die Tätigkeiten im fortgeschrittenen 16. Jh. stattgefunden. Diese Datierung wird von der Form der Gurtrippen des Chores suggeriert. Die niedergedrückt-rundbogige Form deutet nämlich im allgemeinen auf eine sehr frühe oder 4- wie hier - sehr späte Phase der Gotik hin. Wegen des verschiedenen Rippenschnitts der Chor- und Hauptschiffgewölbe und wegen der schweren Form der Gurtrippe zwischen ihnen darf angenommen werden, das diese Gewölbe in zwei verschiedenen Phasen ausgeführt worden sind. Vielleicht hat man mit der Wölbung im Osten angefangen, d.h. die Chorgewölbe scheinen mir älter als die Hauptschiffgewölbe. Argumente für diese Voraussetzung sind die reichere Form  und die weniger große Wucht der Rippen und Gurtrippen des Hauptschiffes.

Vielleicht vor, wahrscheinlicher nach der Einwölbung des Hauptschiffes ist das Seitenschiff ostwärts mit zwei Jochen und einer Sakristei vergrößert worden (diese Sakristei ist 1859 abgerissen worden. Die genannte Erweiterung wurde vermutlich vorgenommen, nachdem das Nebenschiff gewölbt war, denn bei der Wölbung der vier westlichen Joche wurde offenbar eine Mauer am Ostende berücksichtigt. Bei dem Anbau der zwei neuen Joche muß man diese Mauer niedergerissen haben und durch dessen frei werdenden Raum das neue Westjoch länger gemacht haben als das östliche. jedenfalls ist die Vergrößerung später als der Bau des Chores erfolgt, weil für den Anbau des Ostjoches das Nordfenster des östlichen Chorjoches zugemauert wurde.

So komme ich zur folgenden Rekonstruktion der Baugeschichte (teilweise hypothetisch; Fig. 6). An einer einschiffigen (?) romanischen (?) Kirche, die sich den Verhältnissen gemäß an der Stelle des heutigen Hauptschiffes befunden haben könnte, ist möglicherweise im 14. ]h. (?) als Ersatz des alten gerade oder halbrund geschlossenen romanischen (?) Chores ein größerer neuerer erbaut worden, wie es z. B. wahrscheinlich auch in Ommen geschah. Von dem letztgenannten Chor könnte in die Nordmauer des heutigen Chores aus dem 15. Jh. Gemäuer aufgenommen sein: Dort fehlt ja zumindest ein Strebepfeiler an der Mauer. Eine vergleichbare Situation findet sich wieder in Ommen. Im 14. oder 15. Jh. baute man den bestehenden Turm vor das alte Langhaus.

Eine gewagte Hypothese ist, das man bei dem Bau dieses Turmes die alte Westmauer der Kirche einige Zeit hat stehen lassen. Dies würde die Anwesenheit des Strebepfeilers am Westende der Südmauer des Hauptschiffes und somit die größere innere als äußere Länge des Westjoches dieses Schiffes erklären. Bei der Einwölbung war die Mauer entfernt und dadurch entstand innerhalb der Kirchenmauern eine größeren Länge des genannten Joches. Die Abfolge der nächsten Bautätigkeiten ist oben schon erläutert worden, so das hier eine reine Aufzählung genügt:

 

Chor und Langhaus (oder Langhaus und Chor) und Turmerhöhung,

Vorbau (Gravenkerkje oder Grouwenkerken),

Erneuerungsarbeiten am Turm,

Einwölbung des Turmes und der Kirche (im letzten Fall wahrscheinlich zuerst des Chores und dann des Hauptschiffes) und schließlich Erweiterung des Seitenschiffes.

 

 

 

12) Dr. Edel, Vom Grouwenkerken in Uelsen, JB. 1955, 5.47.

 

13) Bruns, Inventar des fürstlichen Archivs zu Burgsteinfurt, 1971, S. 141.

 

14) G. Geerink, Eine Deutung des Namens Grouwenkerken, JB 1976, S.211.