Die politische und territoriale Entwicklung der Grafschaft Bentheim im Mittelalter.

 

1. Frühmittelalter

 

 

Diözesan (Bistum)und Gaueinteilung (Gebietseinteilung);

 

Entwicklung der Pfarr- und Gerichtsbezirke

 

Während des Mittelalters lag das Land an der Vechte

im Einflussbereich der beiden kirchlichen Mittelpunkte

Münster und Utrecht (Vgl. Abb. 5).

Die Polarität (politische Gegensätze zw. zwei Gruppen) dieses

doppelgesichtigen Durchgangsgebietes findet damit erneut

ihren Ausdruck: das Vechtegebiet wird, dem Verlauf des

Flusses entsprechend, gleichsam von zwei Seiten her

aufgeschlossen : von der westfälischen Tieflandsbucht und vom

Gebiet der Rheinmündungen.

 

Utrecht ist die ältere der beiden Bischofsstädte. Die

Kirche wurde von Köln her für die Mission der Friesen

begründet und durch angelsächsische Missionare ausgebaut

und gefestigt. Ihr wurden außer friesischen auch altfränkische

Gebiete zugeteilt, darunter die Twente. Aus Utrecht

kam auch der Friese Liudger, der unter Karl dem Großen

das Bistum Münster begründete. Abgesehen von einigen

Gauen an der friesischen Küste, die Liudger zur Missionierung

zugeteilt erhielt, bildeten. die Kirchspiele der

oberen Grafschaft Bentheim den nördlichsten Vorsprung

des Bistumsgebietes.

Dadurch, das die Bischofskirchen von Münster und Utrecht

beide dem Stuhl des Erzbischofs von Köln unterstellt waren, wurde auch ihre Grenze nicht willkürlich oder zufällig festgelegt, sondern nach einem festgesetzten Plan,

der an überlieferte Gau- und Siedlungsgrenzen anknüpfte.

Die Grenze derbeiden Diözesen Münster und Utrecht,

die mitten durch das heutige Gebiet der Grafschaft hindurchführt, trennt daher zugleich auch weltliche Hoheitsgebiete. Das Gefühl für diese Scheidelinie ist durch die Jahrhunderte hindurch dauernd lebendig geblieben,

etwa wenn in einer mittelalterlichen Urkunde vom

Kloster Frenswegen unweit Nordhorn

ausdrücklich gesagt wird, das es im Grenzgebiet

Westfalen und der Twente gelegen sei.

Später trennt diese Linie die obere von der niederen Grafschaft bzw.die Vogtei Nordhorn von der Vogtei Neuenhaus.

 

Die Diözese Osnabrück, die im Nordosten an ein kurzes

Stück der niederen Grafschaft angrenzte, hat an der

Christianisierung des Gebietes der Vechte keinen Anteil gehabt,

da die Moor- und Ödlandgebiete westlich der Ems den

Zugang von dieser Seite her erschwerten. Die heutige

Gliederung der katholischen Kirche, in der die gesamte

Grafschaft Bentheim zum Bistum Osnabrück gehört, ist

erst jüngeren Datums (Bulle Papst Pius' VII. zur neuen

Umschreibung der norddeutschen Diözesen entsprechend der

politischen Einteilung 1821).

In der Niedergrafschaft, die als Teil des Twentegaues

zum Bistum Utrecht gehörte, war Uelsen der erste erkennbare Mittelpunkt.

Hier war die Stätte eines Gogerichts,

als dessen frühe Inhaber die auf einer Burg südlich der

Kirche ansässigen Herren von Toren erscheinen. Die Kirche

mit dem Patrozinium des angelsächsischen Missionars

Werenfried ist sicherlich schon lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung (1131) von Utrecht aus begründet worden.

Sie hat mehrere Tochterkirchen und kann daher

als Urpfarrkirche des Nordtwentegaues bezeichnet werden

(Vgl. Abb. 6).

1131 wurde sie durch den Bischof dem Kapitel

von St. Peter in Utrecht zugeteilt. Von Uelsen abgezweigt

sind die Kirchen in Wilsum (Kapelle St. Antonii, seit 1511

mit eigenem ständigen Kaplan), Veldhausen (Kirche

St.Johannis d.T., 1317 erstmals genannt) und Lage (zunächst

Burgkapelle, ref. Kirche seit 1687). Von Veldhausen sind

wiederum die Pfarrkirchen von Neuenhaus (1370) und

Georgsdorf (1867) abgezweigt.

Im nördlichen Teil der Niedergrafschaft hatte Emlichheim

von vornherein eine zentrale Stellung (Vgl. Abb. 6). Eine

Abzweigung von dem augenscheinlich älteren Uelsen kann

nur vermutet werden. Aus einer alten Kapelle entwickelte

sich die Pfarrkirche, die 1312 zuerst erwähnt wird.

Emlichheim war Sitz eines Gogerichts, das aus der Hand des

Bentheimer Grafen nacheinander in den Besitz der Herren-

Geschlechter von Borkeloh und von Gramsbergen gelangte

und schließlich (1440) von den Bentheimern zurückgekauft

wurde. Als „Herrlichkeit Emlichheim” hat der nördliche

Teil der niederen Grafschaft auch später noch eine

rechtliche Sonderstellung gehabt. Tochterkirchen von Emlichheim

 

befinden sich in Laar (im 14. Jh. als Eigenkapelle der

Herren von Laar bezeugt, wahrscheinlich kurz vor 1555

zur Pfarre erhoben) und Arkel (unweit Hoogstede, alte

Antoniuskapelle, eigenes Kirchspiel seit 1819). In Laar

bestand auch ein grundherrliches Gericht, das 1722 mit dem

von Emlichheim vereinigt wurde.

Für die Obergrafschaft kann die Zugehörigkeit zu

einem alten Gau nicht wie bei der Niedergrafschaft einwandfrei

festgelegt werden. Fest steht lediglich das sie

zur Diözese Münster und zum westfälischen Teil des alten

Herzogtums Sachsen gehörte. Die Annahme, das sie zum

Gau Bursibant zu rechnen sei, ist heute umstritten.

Urkundlich bezeugt ist dieser Gau lediglich für Rheine.

Dieses Urkirchspiel hat mit seinen Tochtergemeinden

sicherlich den Kern des Bursibantgaues gebildet. Da nun

das Gebiet um Rheine zusammen mit dem der oberen

Grafschaft Bentheim kirchlich zum Archidiakonat des

Propstes von St. Ludgeri in Münster gehörte, meinte man, das

dieser Gau sich ebenso weit ausgedehnt haben müsse.

Die These von der Übereinstimmung von Gauen und

Archidiakonaten hat sich aber längst als unhaltbar erwiesen. Außerdem besteht siedlungsgeographisch zwischen

dem Gebiet der Ems um Rheine und dem Vechtegebiet zwischen

Ohne und Nordhorn keinerlei Zusammenhang, da beide

außer der schmalen Moorbrücke bei Salzbergen (dort wo

heute die Bahn von Rheine nach Bentheim verläuft) keine

Verbindung haben. Man scheint daher heute wieder auf

die Auffassung eines älteren Forschers zurückzukommen,

der einen eigenen „Gau Bentheim" angenommen hatte,

eine Meinung, die man später im Verlauf der eben

angedeuteten Archidiakonatstheorie beiseite gerückt hatte.

Den ursprünglichen Namen dieses denkbaren Gaues können

wir natürlich nicht mehr feststellen.

Wollte man ihn nach seinem eigentlichen Mittelpunkt

bezeichnen, so täte man freilich besser, ihn „Gau Schüttorf“

zu nennen (vgl. Abb. 7).

 

denn dieser Ort, nicht Bentheim,

war Sitz des Gogerichts und der ältesten Pfarrgemeinde.

Die Kirche ist sehr wahrscheinlich eine Gründung Liudgers

oder seines Vorgängers Bernrad und kann als Mutterkirche

des gesamten Obergrafschaftsgebietes bezeichnet werden;

Kirchenpatron ist der hl. Laurentius. Aus einer Urkunde

von 1208 geht hervor, das dem Pfarrer von Schüttorf für

das Gebiet der oberen Grafschaft gewisse Archidiakonats-

rechte zustanden; auch dies spricht für die Unabhängigkeit

des „Gaues Schüttorf” vom Bursibantgau. Als erster

Ort in der Grafschaft erhielt Schüttorf 1294 Stadtrechte.

Als Tochtergemeinde von Schüttorf entstand die Pfarrei

Gildehaus, die zuerst 1188 erwähnt wird (Patrozinium:

St. Anna). Die Meinung, das auch Salzbergen, wo die

Grafen von Bentheim seit 1326 das Patronatsrecht hatten,

von Schüttorf abgezweigt sei, wird neuerdings bestritten,

da dieser Ort zum Gogericht Rheine gehörte, von wo

aus die Zweiggründung unter Mitwirkung eines Herrengeschlechts

erfolgt sein wird. Von dem Gildehauser Pfarrbezirk

wurde dann schließlich die Pfarrgemeinde Bentheim

abgetrennt, die 1321 die volle Pfarrgerechtigkeit erhielt.

Schutzheiliger der Kirche ist Johannes der Täufer.

Im äußersten Südosten der Grafschaft hatte das Kirchspiel

Ohne eine Mittlerrolle zwischen Nord und Süd; es war sowohl dem Schüttorfer Gebiet wie dem südlich angrenzenden

Gau Scopingun verbunden (Vgl. Abb. 6). Erst 1444

wurde der Streit um die Zugehörigkeit dieser vermutlich

im 11.Jahrhundert begründeten und dem hl. Odulf

geweihten Kirche entschieden. Die Bauernschaft Haddorf

kam damals zum Kirchspiel Wettringen und unter das

Gogericht zum Sandwell; sie gehört daher heute zum

Lande Nordrhein-Westfalen, während die übrigen, damals

dem Gericht Schüttorf zugeteilten Teile der Pfarrei mit

der Grafschaft Bentheim an das heutige Land Niedersachsen

gekommen sind.

 

Ebenso wie in der Niedergrafschaft neben den alten Mittelpunkt

Uelsen für den nördlichen Teil ein eigener Hauptort

(Emlichheim) trat, so erhielt auch die obere Grafschaft

in ihrem nördlichen Teile frühzeitig einen eigenen,

selbständig neben Schüttorf tretenden kirchlichen und

gerichtlichen Mittelpunkt, nämlich Nordhorn (Vgl. Abb. 6 u. 7).

Die Kirche dieses Ortes wurde als Eigenkirche auf dem

Boden des 1184 erwähnten bischöflichen Haupthofes

errichtet. Sie kann auch aus siedlungsgeographischen Gründen nicht gut auf Liudger selbst zurückgehen, dessen

Patrozinium sie freilich trägt, sondern wird erst einige

Zeit später begründet und mit dem Kirchspielgericht

ausgestattet worden sein, das 1319 als altes Lehen der

münsterischen Bischöfe erwähnt wird.

 

1379 erhielt Nordhorn durch Graf Bernd l. von Bentheim das Stadtrecht und wurde damit nach Schüttorf und Neuenhaus die dritte Stadt in der Grafschaft.

Nach Süden zu wurde von Nordhorn das Kirchspiel Brandlecht

abgezweigt, wo die Edelherren dieses Namens vor

1313 (erste Erwähnung) die Kirche St. Christoph errichteten.

Auch das Kloster Wietmarschen, das der Benediktiner

Hugo von Büren 1152 inmitten von Wiesen „wyt in de

mersch" gründete, gehört als Teil der Bakelder Mark zum

Nordhorner Bereich. Der Kirche dieses Klosters, die dem

Evangelisten Johannes geweiht wurde, ist später eine

Pfarrgemeinde angegliedert worden, die heute noch im

katholischen Bekenntnis fortbesteht, da das Kloster sich der

Reformation nicht angeschlossen hatte.

 

Auch die Kirche in Engden, die auf eine alte grundherrliche

Antoniuskapelle zurückgeht, ist katholisch; sie gehörte

lange Zeit zum Pfarrbezirk von Emsbüren.

Abgesehen von diesen Ausnahmen bestand die geschilderte

Kirdıspieleinteilung nach der Reformation im reformierten

Bekenntnis weiter und blieb nach wie vor in enger Wechselwirkung

zur weltlichen Gebietsgliederung und Verwaltung.

Die seit der Gegenreformation aufgebaute

Organisation der katholischen Kirche knüpft teilweise auch

an alte Überlieferungen an, ist jedoch, da sie nur eine

Minderheit der Bevölkerung erfasst, auf die allgemeinen

politisch-territorialen Verhältnisse ohne Einfluss geblieben.

 

Als Ergebnis dieses Überblicks kann herausgestellt werden,

das sich schon frühzeitig eine Gliederung Grafschaft

 in zwei mal zwei Hauptteile entwickelt hat. Die

niedere Grafschaft, die von Utrecht her, und die obere,

die von Münster aus beeinflusst und erschlossen wurde,

zerfallen jede sich in einen südlichen und einen nördlichen Bezirk weltlicher und kirchlicher Verwaltungs- und Gerichtshoheit, deren Mittelpunkte auf der einen Seite

Uelsen und Emlichheim und auf der anderen Schüttorf

und Nordhorn sind. Dabei liegt das Schwergewicht in

beiden Fällen bei dem südlicheren und älteren der beiden

elliptischen Brennpunkte, nämlich Uelsen und Schüttorf.

Im folgenden wird nun darzulegen sein, in welcher Weise

und durch welche Kräfte es gelang, die bisher am Ober-

und Unterlauf der Vechte auseinanderstrebenden Richtungen

zusammenzufassen und so dieses anfangs doppelsichtige

Land an der Vechte politisch zu einigen.

 

 

 

3. Spätmittelalter

 

Die Begründung der politischen Einheit des Kreisgebietes durch die Grafen von Bentheim.

 

Das Territorium der Grafschaft Bentheim ist eine Schöpfung

des Geschlechts der Grafen von Bentheim (vgl. Abb.7).

Inmitten der von zwei Seiten her wirkenden geistlichen

Gewalten verstanden sie es, im Vechtegebiet eine selbständige

weltliche Herrschaft zu errichten und gegen

mannigfaltige Widerstände zu behaupten. Ihr Stammsitz

ist auf altsächsischem Boden errichtet und gibt daher der

entstehenden Grafschaft von vornherein eine stärkere

Ausrichtung nach Süden und Osten, während den von

Nordwesten her wirkenden Kräften zumeist im Kampf begegnet

werden musste.

 

Auf einem hochragenden Sandsteinfelsen des ostwestlich

streichenden Bentheimer Rückens erstand der stolzeste

und eindrucksvollste Burgbau Nordwestdeutschlands.Seine

Anfänge sind in ebenso sagenhaftes Dunkel gehüllt wie

die des Geschlechts, das ihn errichtete. Seit Karls des

Großen Zeiten werden hier Grafen als Träger königlicher

Macht gewohnt und in den Gauen der Umgebung Gericht

gehalten haben. Aus sicherer Überlieferung wissen wir

erst, das der um Süpplingenburg und Königslutter in Ostfalen

begüterte Herzog Lothar von Sachsen, der später

Kaiser wurde, die Burg 1116 im Kampfe gegen Kaiser

Heinrich V. zerstörte. Bald danach erfahren wir von

Kämpfen gegen die Utrechter Bischöfe, in die auch die

Grafen von Holland als Freunde der Bentheimer eingriffen.

 

Ihrem Hause entstammte auch das Bentheimer Grafengeschlecht,

das von 1165 bis 1421 auf der Burg herrschte.

In diesen Jahrhunderten geschahen die entscheidenden

Schritte zur Begründung der Bentheimer Landeshoheit im

Vechtegebiet zwischen Ohne und Laar.

 

Der Gegenpol der Bentheimer war am anderen Ende dieses

Landstrichs zunächst der Burggraf von Coevorden. Um

die Zölle, die dieser den vechteabwärts mit Bentheimer

Sandstein und anderen Gütern beladenen Schiffen mit

Kurs auf Zwolle abnahm, kam es wiederholt zum Streit.

 

Ein Bentheimer Graf gewann zeitweilig selbst das Burggrafenamt,

ein anderer scheute selbst die Unterstützung des

Utrechter Bischofs nicht, um den Widersacher niederzuringen.

Wenngleich es den Bentheimern nicht gelang,

Coevorden dauernd zu behaupten, so hatten sie doch im

Verlauf dieser Kämpfe im Nordtwentegau Fuß gefasst und

suchten hier weiterhin ihre Macht zu festigen, um so den

Handel auf der Vechte, der ihrer Macht den wirtschaftlichen

Rückhalt bot, zu verteidigen.

 

Die eigentliche Keimzelle der Bentheimer Macht war der

Schüttorfer Bezirk. Hier hegten und schützten sie das von

alters her bestehende Gericht. Aus dem 11844 erwähnten

Schüttorfer Haupthof, den die Grafen besaßen, entwickelte

sich die Burg Altena als gräflicher Amtssitz. Der zu ihren

Füßen aufblühenden Marktsiedlung widmeten die Grafen

ihre besondere Fürsorge; Graf Egbert (1277-1305) ließ

sie befestigen und verlieh ihr Stadtrechte. Aus Gildehaus

gewannen die Grafen den graugelben Sandstein, den sie

vechteabwärts in die gesteinsarmen niederländischen

Küstengebiete verschiffen ließen. Ausgangspunkt dieser Vechteschiffahrt war Ohne,wo sich eine alte, von den Bentheimern geschützte Zollstation befand.

Der Schüttorfer Gogerichtsbezirk mit den Kirchspielen Schüttorf, Gildehaus und Ohne bildete somit die Ausgangsstellung, von der

aus die Bentheimer Grafen längs der Vechte erobernd

vorgingen, um ihren kleinen Flußstaat zu begründen.

 

Der Nachfolger des Grafen Egbert, Johann II. (1305-1332)

führte den Ausbau dieses Territoriums bereits zu

einem gewissen Abschluss (Vgl. Abb. 7). 1308 belehnte ihn

der Bischof von Münster mit dem Gogericht zu Emsbüren.

Diese Belehnung wurde 1319 erneuert, als der Bischof dem

Grafen auch noch das Gogericht in Nordhorn zu Lehen

gab. In späteren Verträgen mit dem Bischof (1444, 1452)

wurde festgesetzt, das das Gericht in Emsbüren dem

Bischof vorbehalten bleiben, während die zugehörigen

Bauernschaften unter das gräfliche Gericht fallen sollten.

 

Da auch der Schultenhof in Emsbüren (die spätere, Domäne)

bischöflich blieb, gelang es den Grafen nicht, die

Landeshoheit in diesem für Münster höchst wichtigen

Durchgangsstreifen zwischen dem oberen und dem unteren

Stift in eigene Hände zu bekommen. Anders in Nordhorn,

wo unter dem Schutz der Grafen ein städtisches Gemeinwesen

entstand. Auf einer Vechteinsel wurde ein festes

Haus errichtet, das ähnlich wie die Burg Altena in

Schüttorf als gräflicher Amtssítz diente. 1578 verkaufte

Graf Amold II. diese Burg dem Kloster Frenswegen. Sie

wurde daraufhin für den katholischen Gottesdienst her-

gerichtet die heutige Nordhorner katholische Kirche

St. Augustinus ist auf ihrem Grunde entstanden.

 

In der Niedergrafschaft wurde die Landeshoheit der

Grafen von Bentheim dadurch begründet, das Graf

Johann ll. von dem Edelherrn Eilard von Toren das Gericht

zu Uelsen im Jahre 1312 gegen Zuerkennung gewisser

Zehnten und sonstiger Rechte erstand. Außer Veldhausen

gehörten hierzu auch noch die Kirchspiele Ootmarsum und

Tubbergen, die später nicht behauptet werden konnten.

Zur Sicherung dieses im Nordtwentegau gelegenen

Gebietes, über das die Bischöfe von Utrecht die Oberlehnshoheit

beanspruchten, erbaute Graf Johann an der Dinkel,

kurz vor deren Einmündung in die Vechte, die Burg Dinkelrode,

die jetzt das „Neue Haus” der Grafen wurde und

für die niedere Grafschaft die Rolle des Schlosses Bentheim

übernahm. Zu ihren Füßen erwuchs, von den Grafen lebhaft

gefördert, die Siedlung, die 1369 durch Graf Bernd I.

(1365-1421) das Stadtrecht erhielt und damit zur zweiten

Stadt der Grafschaft wurde. Neuenhaus blieb seither

ständiger Amtssitz und ist noch heute (1953) als Sitz eines Amtsgerichts der Verwaltungsmittelpunkt der unteren Grafschaft.

 

Graf Johann Il. war schließlich auch, wie wir aus einer

Urkunde erfahren, bereits Herr des Emlichheimer

Bezirks. Offenbar hatte er aber noch nicht die Machtmittel,

um diesen Außenbezirk schon jetzt zu behaupten, und so

veräußerte er 1324 das Gogericht zu Emlichheim nebst

weiteren Rechten und Gütern an eine Familie des stiftischen

Adels in der Diözese Utrecht. Dies gab ihm die Möglichkeit

zur Verstärkung seiner Stellung in den Kirchspielen

Uelsen und Veldhausen und zum weiteren Ausbau von

Dinkelrode - Neuenhaus.

 

Von Wichtigkeit waren ferner noch die Holzgerichte,

die in den einzelnen bäuerlichen Markenverbänden bestanden.

Sie standen durchweg unter adeliger Schirmherrschaft.

Vermöge ihrer durch den Sandsteinhandel hervorgerufenen

wirtschaftlichen Machtstellung gelang es den

Bentheímer Grafen, nach und nach die wichtigsten durch

Kauf in ihre Hände zu bringen. Das bedeutendste und

zukunftsreichste dieser Holzgerichte war wohl das von

Osterwald im Kirchspiel Veldhausen. Graf Bernd I. erwarb

es 1380 und machte dadurch seinen Nachkommen die

Gründung der Moorkolonien Piccardie (1663),

Georgsdorf (1775-1782 als „Neu-Piccardie” gegründet, später

zu Ehren König Georgs V. von Hannover umbenannt) und

Adorf (1775) möglich.

 

Von Bedeutung für den Ausbau der Landeshoheit in der

Grafschaft Bentheim war ferner die Gründung der Klöster

Wietmarschen (1152) und Frenswegen (1394). Bei beiden

Gründungen wirkte das Grafenhaus mittelbar oder

unmittelbar mit. In Wietmarschen hatten die Grafen als

Herren der Altena in Schüttorf das Vogteirecht; ihrem

Hause entstammten mehrere Äbtissinnen. Das

Augustinerchorherrenstift Frenswegen bedachten die Grafen mit

reichen Schenkungen; für den Bau der Klosterkirche stellten

sie die Steinbrüche von Bentheim zur Verfügung. Bis zur

Reformation war Frenswegen Familienkloster und

gräfliche Begräbnisstätte.

Nach dem Tode des kinderlosen Grafen Bernd I. (1421)

kam die Dynastie Götterswick auf den Bentheimer

Grafenstuhl. Everwin I. (1421 -1454) gewann durch Heirat

die Herrschaft Steinfurt, die später (1495) zur Reichsgrafschaft

erhoben wurde und fort an dem Hause Bentheim

verbunden blieb (vgl. Abb. 7); sie hat jedoch weiterhin

ihr Eigenleben geführt und ist verwaltungsmäßig niemals

in das Bentheimer Gebiet einbezogen worden. In der

Niedergrafschaft kam es nach neuen Kämpfen endlich zum

Frieden mit dem Utrechter Hochstift. Everwin empfing

das vorher verpfändete Neuenhaus als bischöfliches Lehen

zurück. Die Herrlichkeit Emlichheim dagegen, die er 1440

durch einen Kaufvertrag mit dem Herrn von Gramsbergen

wieder mit Bentheim verband, wurde durch Kaiser

Friedrich III. als unmittelbares Reichslehen anerkannt und somit

dem Utrechter Oberhoheitsanspruch entzogen.

 

Eine gewisse Selbständigkeit innerhalb des Emlichheimer

Bezirks behielt Laar, wo seit 1228 eine Nebenlinie des

gräflichen Hauses Bentheim dem grundherrlichen Gericht

vorstand. Die Gutsherrschaft blieb Bentheimer Lehen

und wurde als solches 1722 nach dem Aussterben des

Geschlechts eingezogen.

 

Die territoriale Entwicklung der Grafschaft war somit am

Ende des Mittelalters im wesentlichen abgeschlossen. Von

dem heutigen Kreisgebiet blieb lediglich Lage außerhalb

der gräflichen Botmäßigkeit. Die hier bestehende

selbständige Herrlichkeit geriet zwar zeitweilig unter die

Abhängigkeit des Utrechter Hochstifts, konnte sich aber

später sowohl von den Niederlanden als auch vom Reiche

unabhängig halten und bildete somit vor dem Ende des

alten Reiches einen eigenen Zwergstaat. Erst 1815 kam

die Herrlichkeit Lage mit der Grafschaft Bentheim an

Hannover, wo sie zunächst weiterhin einen eigenen

Gerichts- und Verwaltungsbezirk bildete, bis sie endlich

1849 dem Amt Neuenhaus angegliedert wurde.

 

 

Autor:

 

Studienrat Walter Rosien, Hannover

 

Quelle:

 

Die Landkreise in Niedersachsen

Der Landkreis

Grafschaft Bentheim

Erschienen im Jahre 1953

   

Entwurf: K. Hartmann